Die vier Leben der E 94 052
Als am 04.08.1990 die Deutsche Reichsbahn die Abstellung der Engelsdorfer 254 052 verfügte, schien die endgültig letzte betriebsfähige Stunde dieses schon damals fast 50-jährigen
„Eisenschweins“ geschlagen zu haben. Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte die Lok einen äußerst spannenden und wechselvollen Lebensweg hinter sich.

Von der Reichsbahn im Dezember 1941 im fränkischen Bw Pressig-Rothenkirchen in Dienst gestellt (Hersteller AEG), begann die sechsachsige schwere Güterzug-Ellok ihr erstes Leben mit der ihr zugedachten Beförderung von schweren Güterzügen auf den Strecken der Frankenwaldrampe und des Thüringer Waldes.

Zum Kriegsende war die Maschine im Bw Probstzella abgestellt und wurde diesem Bw im Herbst 1945 für die ersten Nachkriegseinsätze zugewiesen. Dieser kurze betriebliche Frühling endete für die 052 und alle ihre elektrischen Schwestern jäh am 31.03.1946 mit dem SMAD-Befehl, den elektrischen Zugverkehr einzustellen und den gesamten elektrischen Fahrzeugpark der Sowjetischen Besatzungszone im Rahmen der Reparationsleistungen an die UdSSR abzugeben.

Am 04.05.1946 ging die 052 zusammen mit ihren Schwestermaschinen 040, 046, 054, 056 und 106 von Weißenfels in die Sowjetunion. Zwischen 1948 und 1951 wurde sie dort - in ihren zweiten Leben - als Breitspur-Ellok unter der Bezeichnung TEL 94-052 (T=Trofeija) auf der Strecke Koshwa - Workuta im fernen Sibirien im schweren Erzzugverkehr eingesetzt.

Am 26.08.1952 kehrte sie in einem erbärmlichen Zustand als Schrottlok über den Grenzbahnhof Frankfurt/Oder in den nunmehr sozialistischen Bruderstaat DDR zurück.

Nach jahrelanger Abstellung wurde sie nach schier unglaublichen Anstrengungen im RAW Dessau Anfang Juni 1957 zu ihrem dritten Leben erweckt und dem Bw Halle P zugeteilt.

Mit der Eröffnung des elektrischen Zugbetriebes zwischen Leipzig und Zwickau im Jahr 1963 gelangte die 052 zum Bw Zwickau, wo sie bis zur Ablösung durch die Neubau-Elloks der BR 250 im September 1979 mit ihren Schwesterloks das jahrelang unverzichtbare Rückgrat des schweren Güterzugdienstes auf den Strecken des sächsischen Mittelgebirgsvorlandes bildete.

Ihr nachfolgender Einsatz durch das Bw Engelsdorf endete (wieder) erst aufgrund des politisch bedingten Zusammenbruchs der DDR-Wirtschaft und somit des Schienengüterverkehrs der DR im Rahmen der deutschen Wiedervereinigung. Am 31.01.1992 wurde die 254 052, zusammen mit allen ihren verbliebenen Schwestermaschinen durch die DR ausgemustert. Aber auch dieses Ereignis sollte noch nicht das Ende der Karriere dieser Lok darstellen.

Nach dem Verkauf an die Eisenbahnfreunde Oberberg schien ihre weitere Zukunft als nichtbetriebsfähige Museumslok vorgezeichnet. Aber völlig überraschend wurde die inzwischen von der Prignitzer Eisenbahn (PE) erworbene Lok von ihrem neuem Eigentümer einer betriebsfähigen Aufarbeitung bei der LAUBAG in Brieske und im AW Dessau unterzogen und erblickte nun zum vierten Mal das Licht der Eisenbahnbetriebswelt. Die nunmehr wieder als E 94 052 bezeichnete Lok wird seitdem durch PE Cargo wiederum auf Strecken ihrer langjährigen Heimat vor schweren Braunkohlenstaubzügen zwischen Spreewitz und Deuna sowie vor schweren Zementganzzügen zwischen Berlin-Greifswalder Straße und Deuna eingesetzt; meist zusammen mit altehrwürdigen Taigatrommeln der BR V 200 oder hochmodernen Taurus-Elloks des Siemens-Dispolokpools.

Aufgrund ihrer hohen Schadanfälligkeit kommt die 052 aber nur sehr unregelmäßig zum Einsatz. Es bleibt abzuwarten, ob mit einer fast 63 Jahre alten Lokomotive ein regelmäßiger und wirtschaftlich sinnvoller Zugbetrieb im heute hart umkämpften Schienengüterverkehrsmarkt realisierbar ist. Die PE Cargo beweist hier äußerst viel Mut - zur Freude der meist langjährigen fotografischen Begleiter entlang der Einsatzstrecken dieser E 94.

Ralf Kutschke, 01.06.2004

Bild 1 - 254 052 wurde zuletzt in einem 2-Tage-Umlauf von der Einsatzstelle Altenburg aus eingesetzt. Hier präsentiert sie sich beschäftigungslos neben der Engelsdorfer Heizlok 52 8077 in Altenburg am 31.07.1990
Bild 2 - Durch den rapiden Zusammenbruch des DR-Güterverkehrs waren Aufnahmen, wie die Kesselwagenganzzugleistung Wüstenbrand - Leipzig im Sommer 1990 schon eine Glückssache. Bf Glauchau am 14.07.1990
Bild 3 - Am 13.07.1990 war ein endlos langer Leerzug von Glauchau in den Raum Leipzig zu befördern. Hier die Leistung vor der Abfahrt im noch gut frequentierten Bahnhof Glauchau
Bild 4 - Selber Zug, aber hinter der Flutbrücke bei Glauchau
Bild 5 - Reichsbahnflair pur am 21.07.1990 beim Umsetzen am Ostkopf des Bf Glauchau. Der kürzlich erfolgte Umbau des Bf Glauchau ließ auch dieses Motiv endgültig verschwinden
Bild 6 - Bis vor kurzem noch unvorstellbar: Ein privates EVU mit 2 Elloks mit fast 60 Jahren Altersunterschied im planmäßigen Güterzugdienst. PEG-E 94 052 und Siemens-Dispolok-Taurus ES 64 U 2-014 in Berlin-Greifswalder Straße am 20.10.2003
Bild 7 - Nur selten ist die E94 052 „aufgebügelt“ als Zuglok vor dem Zementganzzug Berlin-Greifswalder Straße - Deuna anzutreffen. (20.10.2003)
Bild 8 - ES 64 U 2-014 und E 94 052 passieren mit ihrer „Zwiebelzugleine“ die Ostberliner Neubaukulisse am S-Bahnhof Landsberger Allee am 20.10.03
Bild 9 - PEG E 94 052 am 19.12.03 im Güterbahnhof Greifswalder Straße
Bild 10 - Altes Einsatzgebiet: zur Reparatur bei der MTEG weilt E 94 052 in Glauchau (27.03.2004)

Internetauftritt der Prignitzer Eisenbahn (PE Cargo)
Eine der E 94 Seiten "Deutsches Krokodil"
E 94 114